Debatte über volle Straßen mittags: Wer arbeitet, ist dumm

Forum-Nutzer kritisieren volle Straßen am Mittag in Spanien und verweisen auf Schichtarbeit, Krankmeldungen und niedrige Löhne als Erklärung.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Debatte über volle Straßen mittags: Wer arbeitet, ist dumm
Um 12 Uhr sind die Straßen voll, während das Land nicht aufsteht

Ein Forum-Nutzer beschreibt eine Szene, die ihn empört: Er geht mittags einkaufen und trifft auf „hunderte, tausende Menschen“, nicht nur Rentner oder Hausfrauen, sondern auch junge Leute und Männer um die vierzig, die theoretisch die Wirtschaft tragen sollten. Die Schlussfolgerung, die er zieht, ist so brutal wie wenig differenziert: Wer in diesem Land arbeitet, ist nach seinen Worten ein Narr.

Die daraus entstehende Diskussion dreht sich nicht darum, ob Menschen auf der Straße sind – das nimmt jeder zur Kenntnis, der sein Haus verlässt –, sondern darum, was das bedeutet. Und hier beginnen Zahlen, das Narrativ der nationalen Faulheit zu relativieren.

Wie viele Beschäftigte sind tatsächlich mittags im Dienst

Eine Berechnung, die in der Konversation kursiert, zerlegt die 22 Millionen Beschäftigten, die der spanische Arbeitsmarkt verzeichnet. Laut dieser Aufschlüsselung sind 4 Millionen Festangestellte mit Unterbrechungen oder Teilzeitkräfte, weitere 4 Millionen sind Beamte und 4 Millionen arbeiten in Schichten. Das heißt: Um zwölf Uhr vormittags wäre nur einer von fünf Beschäftigten effektiv an seinem Platz. Der Rest hätte frei, würde ruhen, krankgeschrieben sein oder einfach keine Schicht zu dieser Zeit haben.

Diese Aufschlüsselung, die nicht aus offiziellen Statistiken stammt, sondern von einem Näherungsversuch eines Teilnehmers, erklärt allein, warum sich die Straßen mittags nicht leeren. Spanien hat einen Arbeitsmarkt mit einem enormen Anteil an atypischen Verträgen, Teilzeitstunden und rotierenden Schichten. Das Bild eines ganzen Landes, das um acht Uhr morgens eincheckt, ist eine Momentaufnahme aus den Neunzigern.

Manche fügen eine weitere Ebene hinzu: Leute, die zum Sport gehen, jene, die Nachhilfestunden verlassen, Spaziergänger, solche, die gerade Feierabend gemacht haben. Um 19 Uhr, argumentiert ein anderer, sei das Chaos noch größer. Die Stadt unterscheidet nicht zwischen produktiv und unproduktiv. Sie unterscheidet nur zwischen Menschen, die irgendwohin müssen, und solchen, die nirgendwo hin müssen.

Beamte, Krankmeldungen und unbeaufsichtigtes Homeoffice

Die zweite Front der Wut richtet sich gegen den öffentlichen Sektor. „Um 12 Uhr, Beamte beim dritten Kaffee“, fasst ein Kommentar zusammen. Ein anderer urteilt direkt: „Alles, was du auf der Straße gesehen hast, waren Beamte.“ Es ist eine Übertreibung, aber sie greift eine reale Unzufriedenheit über die Produktivität des öffentlichen Sektors auf, die nicht neu ist.

Unbequemer ist das Kapitel der Krankmeldungen. Ein Bericht schildert den Fall eines Arbeitsplatzes, an dem innerhalb eines Jahres Krankmeldungen aneinandergereiht wurden: zwölf Monate wegen geschlechtsspezifischer Gewalt, drei Monate wegen Stress, vier Monate wegen Stress und sechs Monate wegen Angstzuständen. Derselbe Autor fügt hinzu, dass eine Kollegin im Homeoffice zweimal beim Verlassen des Supermarkts während der Arbeitszeit beobachtet wurde. Das sind Anekdoten, keine Statistiken, aber das Muster, das sie beschreiben – lange Krankmeldungen und unkontrolliertes Homeoffice – nährt das Gefühl, dass das System nicht zwischen denen unterscheidet, die nicht arbeiten können, und denen, die nicht wollen.

Der Kontrast zur eigenen Erfahrung des Schreibers ist bitter: Als er eine Woche wegen Fieber krankgeschrieben war, erhielt er einen aufgewühlten Anruf, warum er nicht zu Hause sei. Die Überwachung, sagt er, werde bei manchen angewendet, bei anderen nicht.

Löhne, die weder Kaninchen noch Autos kaufen

Gegen die Diagnose der Faulheit tritt das ökonomische Gegenargument. Arbeiten, behauptet ein Teil der Diskussion, garantiert nichts mehr: weder Unabhängigkeit, noch ein Auto, noch Zugang zu Wohnraum. Mit dem Mindestlohn, acht Stunden täglich plus eventuelle Extras, reicht es nicht. Und wer wenig verdient und viel arbeitet, altert schlecht, isst schlechter und treibt weniger Sport, was auch nicht hilft, einen Partner anzuziehen.

Die Falle besteht laut dieser Lesart darin, dass das System Anstrengung in eine schlechte Investition verwandelt hat. Wer arbeitet, erhält nicht die Güter, die die Anstrengung angeblich rechtfertigen; wer erbt oder spekuliert, schon. Der Fall eines Selbstständigen, der 1,6 Millionen pro Jahr abrechnet und erfährt, dass es dieses Jahr keine Provisionen gibt – und der erwägt, zu kündigen oder Bestellungen an Konkurrenz weiterzugeben gegen einen Prozentsatz – ist die Kehrseite desselben Problems: Auch Produzenten fühlen sich betrogen.

Das Land, das nicht umherirrt

Der internationale Vergleich schließt den Kreis. Aus der Schweiz wird ein Land beschrieben, in dem „niemand umherirrt“: Um fünf Uhr morgens ist die Straße voll mit Leuten, die zur Arbeit gehen, Cafés wirken wie Friedhöfe, und ab sechs Uhr abends ist keine Seele auf der Straße. Die Schlussfolgerung lautet, dass Spanien ein Land ist, in dem Millionen ziellos spazieren gehen, und dass dies keine Freizeit, sondern ein Symptom ist.

Das Problem dieses Vergleichs ist, dass die Schweiz eine andere Aktivitätsquote, eine andere Struktur der Arbeitszeiten und eine andere Freizeitkultur hat. Aber als Spiegel funktioniert es: Hier ist die Straße am Mittag der einzige Ort, an dem sich Freischichtler, Schichtarbeiter, Kranke und Nichtbeschäftigte treffen. Und wer aus dem Fenster schaut, kann sie nicht unterscheiden.

Wie viele derer, die um zwölf Uhr auf der Straße sind, sollten dort nicht sein? Niemand weiß es. Und diese Unwissenheit ist genau das, was ärgert.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (116 Antworten).

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