Amnestie spaltet Wähler, mobilisiert aber kaum jemanden

Linke akzeptieren die Amnestie als Rache; die Mitte lehnt sie ab, bleibt aber passiv; die Hälfte der Bevölkerung kennt den Gesetzestext nicht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Amnestie spaltet Wähler, mobilisiert aber kaum jemanden
Die Amnestie wird als Revanche hingenommen und bringt kaum jemanden auf die Straße

Das Amnestiegesetz hat fast niemanden zufrieden gestellt – das ist genau die Feststellung, die immer wieder fällt, wenn man im persönlichen Umfeld nach der Meinung dazu fragt. Linke Wähler feiern es nicht, nehmen es aber hin: Sie lesen es als Ohrfeige für die Rechte, beinahe wie einen Sieg im politischen Duell. Die Mitte und die Rechten halten es für eine Absurdität, denken aber nicht daran, auch nur einen Finger zu rühren. Zwischen beiden Lagern bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Das Gesetz schreitet voran, ohne dass fast jemand erklären kann, worum es dabei geht.

Die Linke feiert nicht: Sie toleriert es als Revanche

Unter sozialistischen Sympathisanten herrscht keine Euphorie. Viele empfinden die Amnestie als unangenehm, billigen sie aber, weil das Ergebnis im Sinne der Rivalität gedeutet wird: Was die Rechte trifft, wird akzeptiert, auch wenn man es nicht teilt. Der angesammelte Groll gegenüber dem Gegner wiegt schwerer als der Gesetzestext selbst, und dies ist der Treibstoff, der die Haltung stützt, ohne dass technische Argumente nötig wären.

Aus diesen Gesprächen ergibt sich auch eine Diagnose für das Land insgesamt, die von den Befürwortern der eigenen Politikkaste zugeschrieben wird: Sie haben uns gut gespalten. Die vorherrschende Wahrnehmung ist die einer Gesellschaft, die in zwei Blöcke geteilt ist, die nicht mehr über konkrete Maßnahmen diskutieren, sondern darüber, wen man besiegen muss. Die Amnestie fungiert eher als Lagerkennzeichnung denn als öffentliche Politik.

Die Mitte sieht eine Absurdität und rührt keinen Finger

Auf der anderen Seite ist die Ablehnung größer, aber die Reaktion gleich null. Wähler aus der Mitte und Mitte-Rechts beschreiben die Amnestie als eine überschrittene rote Linie ohne Konsequenzen und erklären im nächsten Satz, warum sie nichts tun werden: Sie wollen sich nicht einmischen und haben andere Pläne. Der Ärger bleibt beim Dessert.

Diese Passivität beschränkt sich nicht auf dieses Thema. Beobachter weisen darauf hin, dass dasselbe bei langsamen Abnutzungserscheinungen passiert – dem demografischen Winter, dem Kaufkraftverlust –, die ebenfalls niemanden bewegen. Die wiederkehrende Schlussfolgerung ist bitter: Empörung existiert, verwandelt sich aber nicht in Aktion.

Warum weiß fast niemand, was die Amnistie besagt?

Die am häufigsten genannte Erklärung ist Unwissenheit. Wenn man normale Bürger nach den Folgen des Gesetzes fragt, beschränken sich die Antworten auf drei oder vier Schlagworte: Dass die Schulden Kataloniens erlassen werden, dass ein katalanischer Ex-Präsident begnadigt wird, der sich der Justiz entzogen hatte und in einem europäischen Land Schutz fand, und dass der aktuelle Präsident regiert. Dass die Norm das Gleichgewicht der Gewalten betrifft, kommt im Gespräch nicht vor.

Die Hälfte der Bevölkerung könnte den Begriff Amnestie nicht definieren, und viele unterscheiden nicht zwischen Begnadigung und Schuldenerlass. Ignoranz ist nicht neutral: Wer ein Gesetz nicht versteht, kann auch seine Auswirkungen nicht bewerten. Eine Schätzung unter denen, die das Thema in ihrem Umfeld angesprochen haben, beziffert den Anteil der völlig ahnungslosen Bekannten auf 99 %.

Institutionelle Folgen, die kaum jemand erwähnt

Es gibt eine These, die in politisierten Gesprächen auftaucht und laut ihren Vertretern der eigentliche Kern der Sache ist: Die Amnestie geht nicht um Begnadigungen, sondern darum, die Justizgewalt (Poder Judicial) zu unterwerfen und die Tür zu einer Machtkontrolle ohne Gegengewichte zu öffnen. Es ist eine parteiische Anschuldigung, ohne gerichtliche Entscheidung, die sie stützt, aber sie wird mit absoluter Sicherheit formuliert und dient als mentaler Rahmen für alles Weitere.

Zirkuliert auch die Idee, dass nichts davon gestoppt werden wird, weil die Institutionen, die es bremsen könnten – das Königshaus, der Allgemeine Rat der Justizgewalt (Consejo General del Poder Judicial), die Streitkräfte – nicht intervenieren werden. Das Gefühl ist das eines bereits gespielten Bretts und nutzloser Widerstand. Von diesem Punkt aus wird die Analyse langsam, fast resigniert und beschränkt sich darauf, dem Desaster ein Datum zu geben: kurzfristig Portugal, langfristig Argentinien.

Schulden, Zugeständnisse und die 35–40 %, die das Narrativ tragen

Die genannten Zahlen sind grob und oft vom Hörensagen. Man spricht von 2 Billionen Euro Staatsverschuldung als Hintergrund, einer Wirtschaft, die direkt als zerstört beschrieben wird, und einem Teil der Bevölkerung – jene, die von öffentlichen Geldern leben, Rentner und Beamte –, die sich vor dem Sparzwang sicher fühlen würden, während der Rest die Rechnung zahlt. Es ist eine interessierte Lesart, fasst aber die Stimmung gut zusammen.

Auf territorialer Ebene wird die Amnistie als Spitze eines Eisbergs von Zugeständnissen dargestellt: der Schuldenerlass für Katalonien und Verpflichtungen gegenüber dem Baskenland, Navarra, Galicien, den Kanarischen Inseln und den Balearen. Auf dieser Basis sehen einige interne Berechnungen die Unterstützung für die Norm bei 35–40 % der Bevölkerung, wobei der verbleibende Block zwischen jenen aufgeteilt ist, die sie ablehnen, und jenen, die einfach keinen Finger rühren.

Die unbequeme Diagnose: Ruhe, bis es ins Portemonnaie greift

Die am häufigsten wiederholte Vorhersage hat nichts mit dem Gesetz zu tun, sondern mit seiner Rechnung. Man behauptet, der Sparzwang werde über öffentliche Gehälter und Renten kommen, und erst dann werde es eine Reaktion geben. Und nicht einmal das: Es wird angedeutet, dass dem durchschnittlichen Beamten weniger wichtig ist, weniger zu verdienen, als festzustellen, dass die anderen noch schlechter dran sind. Das ist sehr spanisch, heißt es, obwohl das Klischee wenig erklärt außer Neid als Motor.

Währenddessen geben manche zu, dass ihnen das Thema egal ist, weil sich ihre persönliche Lage verbessert und sie nicht sehen, wie es sie betrifft. Dies ist die zynischste Version der Gleichgültigkeit und wahrscheinlich die verbreitetste: Wer keinen Schlag abbekommt, fühlt sich nicht angesprochen und überlässt den Kampf anderen.

Die Erzählung endet hier. Manche glauben, die Amnistie sei eine wohlverdiente Rache; andere sehen sie als rote Linie, die sie nicht verteidigen werden. Dazwischen weiß die Mehrheit nicht genau, was beschlossen wurde. Keine dieser Positionen koexistiert mit der anderen, und deshalb kehrt das Gespräch, wann immer es aufgenommen wird, zum selben Stillstand zurück.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (174 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver