Super-El-Niño: Der Pazifik liegt bereits 3 Grad über der Norm
Der Pazifik sendet seit Monaten Signale, die nicht in den Kalender passen. Im September, wenn die Auswirkungen des El-Niño-Phänomens eigentlich noch am Start stehen sollten, erlebte Santiago de Chile bereits ein Unwetter mit hagelskorngroßen, zitronengroßen Eiskugeln, und die Stege an den Iguazú-Wasserfällen wurden wegen Hochwassern gesperrt, die 2014 erst im Februar kamen. Laut den Beiträgen im Thread übersteigt die Anomalie der Meeresoberflächentemperatur **3 Grad**, ein Wert, der in den historischen Reihen nicht vorkommt, und unter Wasser messen die Bojen Differenzen von bis zu **10 Grad**. Die Frage ist nicht, ob es regnet: Die Frage ist, wie viel Essen kosten wird.
Der Mechanismus ist alt und bekannt. Die Sonne erwärmt den Pazifik täglich, die Passatwinde schieben das warme Wasser Richtung Asien, und dort staut sich ein Energiereservoir an. Wenn die Winde nachlassen, wandert diese Masse Richtung Amerika und lässt tiefes Wasser aufsteigen, das durch Verdunstung Wärme an die Atmosphäre abgibt. Bei einem derart großen Unterschied ist das Ergebnis Sturzregen, wo er nicht hingehört, und Dürre, wo sie am meisten schmerzt. Die geordneten Aufzeichnungen früherer El Niños erlauben es, das Muster vorherzusehen; was es nicht gibt, ist ein Präzedenzfall für eines *auf Steroiden*.
Was passiert, wenn das warme Wasser das Land erreicht
Der übliche Kalender sieht die Auswirkungen an der amerikanischen Küste zwischen November und Dezember. In diesem Jahr sind sie früher gekommen. Niederkalifornien und der Südwesten der USA spürten den Anstoß vorzeitig, und im Südkegel Lateinamerikas läuft die bekannte Sequenz nur komprimiert ab: Die Regen füllen das Pantanal, wo die Flüsse Paraná und Paraguay entspringen, und diese Fluten brauchen zwei bis drei Monate, um Asunción, Corrientes und Santa Fe zu erreichen. Wenn das Wasser schon im Oktober kommt, stellt sich die Frage, wo es im Februar sein wird.
Die landwirtschaftlichen Auswirkungen sind der Teil, der am stärksten ins Portemonnaie geht. Zu viel Feuchtigkeit verhindert je nach Zeitpunkt die Aussaat oder Ernte, und das trifft Kaffee aus Kolumbien und Brasilien, Kakao aus Mexiko, Kolumbien und Peru sowie einen Großteil des Getreides, das im amerikanischen Becken angebaut wird. Manche halten es für möglich, dass die Lebensmittelpreise bei manchen Produkten um **50 oder 100 Prozent** steigen, wenn das Phänomen mit den übrigen Spannungen zusammenfällt. Das ist keine feste Prognose, sondern ein Szenario, das auf dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren beruht.
Der Cocktail: Diesel, Schulden und russisch-ukrainischer Weizen
El Niño kommt nicht allein. Dazu kommen eine Dieselkrise, die die Logistik mitreißen könnte, eine mögliche Anleihenkrise, die zu einer globalen Schuldenkrise werden kann, und der russisch-ukrainische Konflikt, der zwei der produktivsten Weizenregionen der Erde betrifft. In Teilen Afrikas und des Nahen Ostens, wo Brot ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung ist und stark subventioniert wird, kann diese Kombination in Hungersnot und damit in soziale Spannungen münden.
Der beunruhigendste historische Vergleich ist das Jahr 1877, als eine Hungersnot im Zusammenhang mit einem extremen El-Niño-Ereignis Schätzungen zufolge **3 Prozent der Weltbevölkerung** dahinraffte. Es ist keine exakte Parallele, aber sie hilft, die Größenordnung der Energie einzuschätzen.
Wie viel Getreide ist eingelagert, um durchzuhalten?
Nach einer Berechnung, die im Thread kursiert, liegen die weltweiten Getreidereserven bei rund **950 Millionen Tonnen**, was etwa vier Monaten Gesamtverbrauch entspricht. Die wichtige Einschränkung: Nur etwa **40 Prozent** dieses Getreides dienen der Ernährung von Menschen, sodass die tatsächliche Reserve auf rund zehn Monate reicht. Das ist der Puffer, der einen Preisschock von einem ernsten Versorgungsproblem trennt.
Es gibt auch eine Strömung, die den Alarm dämpft. Sie hält dagegen, dass China in wenigen Jahren kein Nettoimporteur von Lebensmitteln mehr sein und sich zu einem bedeutenden Exporteur wandeln wird, was die Preise drücken würde. Das Argument hat Marktlogik, löst aber das Problem der diesjährigen verlorenen Ernte nicht.
Die Boje, die misst, was das Thermometer zuhause nicht sieht
Der klassische Einwand lautet: Wenn die Modelle schon das Wetter von morgen nicht treffen, wie sollen sie dann den Pazifik vorhersagen? Die Antwort liegt in der Messtechnik: Bojen, die in verschiedenen Tiefen Temperaturen aufnehmen, und Satelliten, die Strömungen und sogar die Wasserhöhe auf den Zentimeter genau messen. Das Phänomen wird seit **70 oder 80 Jahren** erforscht, und es gibt Reihen mit den Auswirkungen jedes Erwärmungsniveaus. Das ist keine Wahrsagerei, das ist Messung.
Die eigentliche Folge ist energetischer Natur. Um einen Liter Wasser um ein Grad zu erwärmen, braucht es eine bekannte Energiemenge; multipliziert man das mit der Masse des Pazifiks, ergibt sich eine Zahl, die erklärt, warum Wissenschaftler von einem beispiellosen Ereignis sprechen. Das Mittelmeer ist mit seiner ganzen Sommerhitze daneben eine Pfütze.
Was noch nicht aufgeht
Offen bleibt die Frage, die niemand beantwortet: Welches konkrete Muster wird das auf der Iberischen Halbinsel hinterlassen? Bei einer verfestigten Dürre und Jahresdurchschnittswerten, die in manchen Gebieten bei rund **1.000 Millimetern** liegen, ohne dass sie ankommen, ist die Unsicherheit darüber, ob und wie gleichmäßig das Wasser fällt, vollständig. Das Phänomen ist gemessen; seine lokalen Auswirkungen noch nicht.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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